kaum zu glauben

Hallo, Christian,

kaum zu glauben, am 11. Dez. hatte ich deine Mail erhalten, wollte auch ganz schnell antworten! Tempus fugit! Weihnachten mit Nachwehen in der Familie, Diplomarbeit der Tochter, Handwerker…Nun will ich mein Glück versuchen! Hatte meinem Bruder ein herrliches Buch zu Weihnachten geschenkt, falls du musikalisch bist: Radlieder – Bicycle Songs von Jens Holzäpfel, schick mal zwei Seiten mit der Post.
Nun meine Erinnerungen: Alter Flugplatz Bonames: „65-jährige flitzt mit dem Roller immer wieder vorsätzlich durch Pfützen und scheint auch noch höllischen Spaß dabei zu haben!“- Reif für die Anstalt? So geschehen am 12. August 2008.
Die Geschichte beginnt aber sehr viel früher, nämlich im Sommer 2007 als ich in der Hessenschau eine Sendung über einen Radfahrkurs am Alten Flugplatz Bonames sehe, denke und dann auch sage:“Das wär genau das Richtige für mich!???“ In der Nachkriegszeit aufgewachsen mit einem kleinen Holzroller, sehr viel später (da sind Heutige schon in der Pubertät!) einer der ersten Roller mit Ballonreifen, immer im Kopf Träume von Rollschuhen gar nicht zu Ende geträumt von einem Rad (das hatten nur der große und später der kleine Bruder!), Radfahren „gelernt“ mit 30 – für die Gesundheit. Ein Klapprad, immer wieder mit dem Auto irgendwohin transportiert, später nach Holland und begeistert gefahren – auch mal große Leihräder oder ein Tandem- Nordseeküste, Wattenmeerküste, Wind in den Haaren, herrlich – solange das Ding nur rollte. Beim Bremsen dagegen immer vorher schon Filme im Kopf, manchmal life irgendwo dagegengedonnert vor Angst, mehrmals an Mauern entlanggeschrabbt,oft schon Meter vor Kreuzungen abgesprungen, ohne Vorwarnung scharf gebremst, mit Kopfschütteln reichlich bedacht! Kurz vor dem Fahrradkurs erfahren, dass man (frau) mit der Handbremse bremsen darf ohne sich zu überschlagen – nee, wirklich?
Dann: Alter Flugplatz August 2009. Das als Kind ausgekostete Gefühl auf dem Roller zu gleiten. Rauf und runter ohne Probleme, rechts, links, Kurven, Kreise, ein Superspaß! Anlauf und dann mit beiden Beinen obendrauf durch die Pfütze! Nicht zu beschreiben, wie schön! Und mit dabei all die anderen: Hidegard, Renate, Ellen, Rita, Inge, Fareda, Gül, Anita, Antonia und wie sie alle heißen. Jede mit ihrer eigenen Fahrradgeschichte, alle für 2 Wochen zusammengeschweißt durch den Wunsch „Es“ endlich zu können. Und dann natürlich Christian: Wie ein Fels in der Brandung, nordseesturmerprobt, als Pädagogin kann ich nur sagen, der machte seine Sache super! Ermutigung, Bestätigung, Didaktik, so einen Schwimmlehrer als Kind und ich könnte sicher anständig schwimmen!
Nach dem Roller kam dann für 2 Tage das Laufrad (vorher natürlich der Muskelkater von der ungewohnten Betätigung am Vormittag!), ja mal ehrlich, wer kann sich das vorstellen? Wie niedlich die kleinen 2-jährigen immer mit dem Laufrad durch die Gegend flitzen, ich muss oft stehenbleiben und zuschauen. Das Gesicht sagt: „Ich kann´s, soooo schnell, wie toll!“ Zum Laufrad kam Wind, dass die Fahnenstangen klapperten, ab und zu auch Regen, machte aber niemandem was aus, genauso wie die Stürze, die sich nicht immer vermeiden ließen, ganz schön zäh und mutig war´n da einige (mit Christians psychologischem Geschick!).Mit dem Laufrad gab´s nun wie schon mit dem Roller ganz viele Spiele: Mit einem Bein oben, mit dem anderen Bein,mit beiden Beinen,  mit einem Bein in die Luft malen, Kreise, dann Namen schreiben, Anlauf mit Rollenlassen, hin zur Wand, weg davon, mit dem Lenker wackeln, auch mal eine Hand loslassen, Melodien im Kopf summen, und vor allem Kurven, Kurven, Kurven, denn gradeaus fährt das Rad von allein, sagt Christian.Komisch, bei mir waren die Rechtskurven leichter, bei andern wars genau umgekehrt. Aufsteigen, losfahren, absteigen, lernen, nach welcher Seite das Rad sich neigt, wenn man den Lenker rechts oder links einschlägt, dadurch nicht vom Rad umgerissen werden. Dann die vielen schönen Linien und Kurven, die Hütchen und Seile langfahren, umfahren, überfahren, abbremsen, aneinander vorbeifahren, alles mal ernst, mal lustig, immer mit Lerneffekt! In der 2. Woche gibt´s dann „richtige“ Räder, große, kleine, immer mal im Wechsel, bis jeder so sein „Lieblingsrad “ hatte und damit ging´s „richtig“ los. Am 1. Tag Runden, Runden, Runden, nun läßt Christian der Rollenspielfantasie freien Lauf:“ Ihr seid Kinder, coole Halbwüchsige, Flegel, hochnäsige Damen, Hamburgerinnen,Omas, tatterige Herrn, verschlafen… „Trick dabei: Man konnte den inneren Gruselfilm vom Stürzen etc. vergessen, den man (frau) jahrelang im Gepäck hatte. Dann ging´s mit innerem Pfeifen, Singen, ran an die Kante, weg von der Kante. Später ließ ich meinen Mann meine innere Melodie raten – er hat´s tatsächlich geschafft!
Um die 90°- Kurven hieß es immer „Schwupp-di-wupp“- Trick 17, erst kurz in die Gegenrichtung lenken, dann läßt sich das Rad fast von alleine in die gewünschte Richtung lenken.Echt gut! Schon ganz schön weit waren wir, als wir durch eine immer enger werdende Gumischnurgasse am Ende zwischen zwei Mülltonnen durchmußten – nee, ganz falsch, wir sollten ganz lässig fahren und am Ende entscheiden:Fahr ich durch oder halt ich an. Pffff, die Luft raus, Gelassenheit stellt sich ein statt dem inneren Film:“ Oje, ein Durchgang, ich fahr sicher dagegen, dagegen, dagegen“! Immer wieder mal ein Donner (nein, kein Gewitter!), selten jemand, der zu Boden ging. Gelernt Frauenautomatismus zu vergessen „oh Gott, oh Gott, schnell aufheben!“ Zwischen den einzelnen Übungen immer wieder in den Kreis kommen, neue Anweisungen bekommen. Die Stunden gehen im Flug. Dann kam der letzte Tag: Wer sich traute, durfte mit zur Ausfahrt an der Nidda. Nochmal wieder ganz neu, den Schutzraum Flugplatz verlassen.Schade, dass grade die eifrige Hildegard dabei stürzte, ich hoffe sehr für sie, sie hat später weitergemacht!
Von mir kann ich sagen: Am Wochenende darauf „Führerschein“ mit 30 km Fahrradstrecke am Mainufer von Offenbach bis Mühlheim. Sonntag. Worst Case: Nicht angeleinte Hunde, Kinder zu Fuß und auf dem Rad, Spaziergänger ohne Führerschein, Omas ( bin zwar selber eine!), nur abgestiegen, wenn ich es wollte bzw. notwendig fand. Bisschen an der Grenze, aber super für´s Selbstbewußtsein. Dann ein Spätsommer und Herbst mit fast täglichem Radfahren! Tat  super gut! Und nun? Ausdauertraining auf dem Heimtrainer und Kieser. Wie wird´s jetzt im Frühjahr werden? Ansatz beim Herbst oder schmutzige Filme im Kopf? – nee, die gibt´s nicht mehr. Sonst wär ja hoffentlich wieder der Christian da zum Auffrischen?
Jedenfalls 1000 Dank und für alle die sowas vorhaben: Traut euch so einen Kurs zu machen, wenn ihr wirklich fahren wollt, es lohnt sich!

Tschuldigung, ist ein bisschen lang geworden, Grüße!

Maria E. Heising