Wie ich zum Radfahren gekommen bin

Ich bin in einem Alter, zu dem man „50+“ sagt.
Radfahren wollte ich schon immer. Man sitzt stolz auf einem Rad, die Sonne scheint, die Vöglein zwitschern. Der Wind weht in Deinen Haaren, Du atmest mit voller Brust frische Luft – wie romantisch kann es sein!
In der Ukraine, wo ich meine Jugend verbrachte, konnte man nur sehr selten Radfahrer beobachten, obwohl unsere Stadt Charkrov sehr groß war. Fahrräder wurden zwar in einer Fabrik gebaut, aber nur für den Export.
Als ich 20 war, schickte man mich zum arbeiten in eine Kolchose in der Nähe dieser Fahrradfabrik. Dort sollten wir Tomaten sammeln und in Kisten legen, die in die Stadt transportiert wurden.
Eines Tages kam ein Junge mit einem Fahrrad zu mir und bot mir an, mir Radfahren beizubringen. Ich war sehr froh über diese Gelegenheit.
Also habe ich mich auf ein großes Fahrrad gesetzt und der Junge hat mich geschoben. Als es dann steil bergab ging, konnte der Junge nicht mehr hinterherlaufen.
Ich bekam Panik und fuhr geradewegs gegen eine Ziegelwand. Ich habe verstanden, welcher Gefahr ich ausgesetzt war.
Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber mein Traum vom Radfahren ist geblieben.

In Deutschland bin ich seit 15 Jahren und hier beobachte ich oft mit Leidenschaft Leute, die leicht und mit Genuss radfahren – sogar ältere Damen.

Im Kifaz ( ) lernte ich die Deutsche Sprache – dort sah ich eine Anzeige im Fenster hängen, auf der stand: „Wer will Radfahren lernen? – Radfahrkurs für Erwachsene“ Vor Freude habe ich mich sofort angemeldet.

Am ersten Kurstag haben sich viele Frauen auf dem Sportplatz in Burgwedel getroffen und den Trainer und Kursleiter Christian Burmeister kennen gelernt. In knapp zwei Wochen sollten wir Radfahren lernen, obwohl einige von uns noch niemals ein Rad in der Hand hatten.In den ersten Tagen haben wir mit Tretrollern geübt – das war verdammt schwer. Junge Leute hätten das leicht gemacht, aber ich – wau! Angst über Angst. Ja,man braucht Zeit, sich zu bezwingen und sich zu bewältigen. Aber langsam – mit und in der Gruppe – habe ich plötzlich das zweite Bein auf den Roller gesetzt. Oh! – wie glücklich ich war!
Das Radfahren dann war für mich sehr schwer – in der zweiten Woche habe ich kaum Fortschritte gespürt. Ich war sehr enttäuscht.
Ich trainierte mit einem sehr kleinen Rad, weil ich immer Boden unter den Füßen haben wollte.
Fahren konnte ich nicht; ich guckte ständig auf das Pedal und verstand nicht, warum ich den Fuß nicht darauf bekam – nicht den linken und nicht den rechten.
Dann habe ich es mit etwas höherem Sattel versucht – nur mit den Zehenspitzen am Boden. Und dann, am letzten Kurstag, habe ich es geschafft: Ich bin für ein paar Meter Rad gefahren! Ich habe vor Freude geschrien!
Aber leider war der erste Kurs nun vorbei. Im zweiten Kurs hatte ich nun eine kleine Erfahrung. Ich guckte nie auf das Pedal sondern immer geradeaus. Außerdem versuchte ich, im Stehen Schwung zu nehmen, mich dann erst in den Sattel zu setzen und so anzufahren. Jetzt ist es mir gelungen – aber noch nicht „mit Butter geschmiert“! Radfahren ist nicht nur das Einsteigen und Anfahren. Die Kraft zu treten, die ausgleichenden Bewegungen, und viele andere Dinge …
Als ich die erste Stufe geschafft hatte, entstanden neue Herausforderungen: Ich muss nicht geradeaus fahren, sondern Schlangenlinien fahren und abbiegen, links und rechts. Aber wie biege ich, soll ich meinen Körper biegen? Soll ich lenken, und wohin? Oder sollen die Füße mit großer Kraft und Gewalt in die Pedale? Ich mache Runde um Runde, es kostet viel, sehr viel Kraft. Jede neue Kurve macht mich ein wenig ängstlich. Ich mache mit meinem Lenker zwei bis drei Striche eines Bogens – hin und her – immer wieder. Nun habe ich wieder mehr Sicherheit. Und nun kann ich sagen: Geschafft. (Aber für Genuss muss ich noch viel Zeit verbringen)
Ich bin froh, das Anfahren im Rollen, und am wichtigsten: Bremsen und Anhalten gelernt zu haben.
Danke Dir Christian für Deine Mühe, Deine Geduld und vor allem Dein Konzept, Radfahren zu lernen und zu lehren. Für uns Frauen ist das Lebensqualität!
Luba, Hamburg, Juni 2009